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75 Jahre TGC

75 Jahre Thüringische Gesellschaft für Chirurgie e.V. – Eine Fachgesellschaft im Wandel der Zeit

Auszüge zur Festveranstaltung

Am Freitag, den 21.10.2022, fand im Hörsaal des Anatomischen Instituts der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine Festveranstaltung anlässlich des 75. Gründungsjubiläums der Thüringischen Gesellschaft für Chirurgie e.V. statt.
Das Grußwort des Deutschen Gesellschaft für Chirurgie überbrachte der Präsident der DGCH, Prof. Dr. Andreas Seekamp aus Kiel, der Online zugeschaltet war.
Den Festvortrag zur Gedenkfeier hielt der Philosoph und Theologe Univ.-Prof. Dr. mult. Nikolaus Knoepffler zum Thema „Den hippokratischen Eid neu denken“.

Nach Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im Jahr 1872 wurden mehrere regionale Chirurgenvereinigungen ins Leben gerufen. Die älteste davon ist die Berliner Chirurgische Gesellschaft, die am 22. November 1886 im Hörsaal der Klinik für Chirurgie der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin gegründet wurde.
Erst 1922 erfolgte die Konstituierung der Mitteldeutschen Chirurgen in Magdeburg, deren lokale Grenzen mit Niedersachsen weit über den heutigen mitteldeutschen Raum hinaus reichten. Die Nazidiktatur und der Ausbruch des 2. Weltkrieges beendeten die wenig dokumentierten Aktivtäten der Vereinigung Mitteldeutscher Chirurgen.
Die Gesellschaft war zuletzt bereits stark durch das Engagement Nicolai Gulekes geprägt. Der Jenaer Ordinarius war 1938 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und galt als ein wichtiger Meinungsbildner unseres Fachs.

In Fortsetzung seines Bestrebens für eine aktive wissenschaftliche Fachgesellschaft – kriegsbedingt nun eingeschränkt für die russische Besatzungszone – schrieb Guleke am 20.10.1946 an den Dekan der Medizinischen Fakultät der Alma mater Jenensis. Er bat, eine Zusammenkunft der mitteldeutschen Chirurgen ausrichten zu dürfen. Gleichzeitig erfolgte die Einholung der erforderlichen Genehmigungen bei der sowjetischen Militäradministration.
Vom 2.10. bis 5.10.1947 veranstalte Nicolai Guleke im Hörsaal der Chirurgischen Klinik in Jena eine Tagung mit über 150 Chirurgen. Unter widrigen Umständen, mit der Aufforderung an die Teilnehmer ausreichend Verpflegung mitzubringen, nahm die Tagung einen herausragenden Verlauf an deren Ende die Errichtung einer Thüringer Medizinisch-Wissenschaftlichen Chirurgenvereinigung beschlossen wurde.
Somit ist der 5.10.1947 der Gründungstag einer regionalen Chirurgengesellschaft in den Grenzen des Landes Thüringen, die ab 4.5.1979 dann folgerichtig auch den Namen Thüringische Gesellschaft für Chirurgie (TGC) erhielt.

Die Gründung der TGC fiel in eine Zeit des Wiederaufbaus Deutschlands, aber auch dessen Teilung. Dem wissenschaftlichen Interesse und Weitblick Nicolai Gulekes, ist das Engagement um die Gründung und Entwicklung der thüringischen Chirurgie zu verdanken. Er war es, der bis 1951 an der Spitze der Gesellschaft stand. Auf ihn folgte kommissarisch Prof. Egbert Schwarz, der noch 1951 sein Amt an den neuen Jenaer Ordinarius Heinrich Kuntzen übergab, der bis 1953 wirkte.
In den folgenden Jahren wurde die Gesellschaft vom Jenaer Ordinarius Prof. Dr. Theo Becker und ab 1976 vom Erfurter Prof. Dr. Werner Usbeck geleitet. In den 80iger Jahren wechselte der Vorsitz, in satzungsgemäß vereinbarten 2 Jahres Rhythmen, zwischen den Ordinariaten in Jena (Prof. Dr. Hans Schröder) und Erfurt (Prof. Dr. Werner Usbeck).

In Verbindung mit den politischen Veränderungen des Jahres 1989 und der deutschen Wiedervereinigung konnte die Thüringische Gesellschaft für Chirurgie e.V., mit damals über 450 Mitgliedern, als gleichberechtigter Partner in den Kreis der regionalen Fachgesellschaften eintreten. Seither nimmt sie mit wechselnder Intensität am gesamten wissenschaftlichen Leben der Deutschen Chirurgie teil.
1991 gaben sich die Mitglieder der Thüringischen Gesellschaft für Chirurgie ein neues Statut. Damit wurde die Möglichkeit des Vorsitzes von Mitgliedern nichtuniversitärer Einrichtungen eingeräumt. Erstmals wurde 1996 unser Ehrenmitglied Herr Prof. Dr. Harald Schramm als extrauniversitärer Vorsitzender gewählt. Turnusmäßig folgten ihm dann zahlreiche Thüringer Chefärzte im Amt.

Das wissenschaftliche Engagement und Interesse wird seit der politischen Wende durch Forschungsstipendien, Posterpreise sowie den Guleke-Preis gefördert. Nicht nur diese Anerkennungen, sondern die stets freundschaftliche, offene und kameradschaftliche Atmosphäre waren und sind es, die die Kongresse der Gesellschaft zu einem jährlichen Höhepunkt für alle thüringer Chirurgen machten.
Die TGC schafft den lokalen Rahmen für einen regionalen interdisziplinären Austausch und ist für junge Wissenschaftler oft der erste Anlaufpunkt, um Forschungsergebnisse aus Klinik und Experiment einem fachkundigen Zuhörerkreis vorzustellen. Hier können sie sich erste Sporen verdienen und sich in der wissenschaftlichen Diskussion üben. Sie können darauf vertrauen, dass ihnen eine wohlwollende Atmosphäre entgegengebracht wird.

Die zunehmenden Spezialisierungen unseres Faches, im Gegensatz zum chirurgischen Allround-Wissen und Können des Gründungsvaters Nicolai Guleke, stellt unsere TGC nach 75 Jahren ihres Bestehens zunehmend vor immer komplexere Aufgaben. Diesen müssen sich alle Chirurgen unseres Bundeslandes zwangsläufig stellen. Geprägt sind diese Herausforderungen durch die schnelle medizinische Innovation und erhebliche gesundheitsökonomische, soziodemographische und berufspolitische Veränderungen.

Aktuell sind wir in der Vorbereitung unserer Jahrestagung 2023, die vom 17.-18.3.2022 in Gera stattfinden wird. Als Thema haben wir die Sektorenübergreifende Versorgung aufgegriffen. Voraussetzungen für die geforderte Ambulantisierung sind neben baulichen und strukturellen Veränderungen, eine Sicherstellung der Weiterbildung und Anpassungen der Weiterbildungsordnung. Dies sollten wir als Fachgesellschaft für unser Bundesland Thüringen aktiv mit beeinflussen.
Die Vorbereitung auf die Jahrestagung ist ein guter Anlass unsere jungen Mitglieder aufzufordern, diese Chance zu nutzen und sich aktiv in die fachlichen, aber auch organisatorischen Diskussionen einzubringen.

Darüber hinaus sieht sich unsere Fachgesellschaft als Ansprechpartner gegenüber der Ärztekammer Thüringen und den lokalen Ärzte- und Kassenverwaltungen. Gerne sind wir bereit für die anstehenden Aufgaben der Gesundheitsversorgung unsere fachliche Expertise in Kooperation und Kommunikation einzubringen. Das ist eine große Aufgabe, zu der unsere Dachgesellschaften mit Nachdruck aufrufen. Sie schätzen unseren gesellschafts-politischen Einfluss als eher gering ein. Gewünscht werden deshalb größere regionale Aktivitäten, die Voraussetzungen für eine Verbesserung unserer Wahrnehmung schaffen können.

Eine weiteres Aufgabengebiet der Thüringischen Gesellschaft für Chirurgie sehen wir in einer frühestmöglichen Werbung für unseren Nachwuchs. Hierzu bedarf es gemeinsamer Anstrengungen von Lehrenden an den Universitäten genauso wie von weiterbildungsberechtigten Chirurginnen und Chirurgen an den Lehrkrankenhäusern. Schon junge Studenten sollten aus berufenem Munde Einblicke in unsere chirurgischen Fachgebiete erhalten. Die Werbung im Rahmen der Ausbildung im praktischen Jahr kommt erfahrungsgemäß meistens zu spät.

Unsere Zukunft können wir nur im kollegialen und aktiven Miteinander, getragen auf einer breiten Basis zum Wohl unserer Patienten erfolgreich gestalten.

Ad multos annos

Christine Stroh